Freidenker? Schön wär’s!

Kürzlich fand in Zürich das Denkfest statt, eingebettet ins Reformationsjubiläum und organisiert von den Freidenkern. Das sind jene, die mit der Headline «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht. Geniess das Leben.» vor nicht allzu langer Zeit für Aufsehen und Diskussionen gesorgt haben. Ich mag ihre kritische Denkweise, doch ihren Claim «frei denken» halte ich für einen Etikettenschwindel. 

Als Werbetexter betrachte ich das Entwickeln von Claims als meine Königsdisziplin. Es gibt nichts Schöneres, als Identität und Vorteil einer Marke prägnant auf den Punkt zu bringen:

  • BMW: Freude am Fahren
  • Raiffeisen: Wir machen den Weg frei.
  • Werbestadt: Agentur für mehr Ausstrahlung

Ein perfekter Claim nimmt die emotionalen Bedürfnisse der Zielgruppe auf und verspricht deren Erfüllung. 

Der schönste Claim, den ich mir dabei vorstellen könnte und den ich liebend gerne für mich persönlich beanspruchen würde, lautet: frei denken. Gibt es etwas Wertvolleres auf dieser Welt, als unabhängig denken zu dürfen?

Leider ist das Statement besetzt! Die Freidenker-Vereinigung nutzt es gleich doppelt: im Namen und als Claim. Da die Wirkung eines Claims von dessen Glaubwürdigkeit abhängt, ist es legitim, genauer hinzuschauen, ob die Vereinigung die Aussage zurecht für sich in Anspruch nimmt. Ich finde nein:

  1. «Da ist wahrscheinlich kein Gott»: Das ist Polemik. Frei gedacht wäre: «Da ist vielleicht ein Gott, vielleicht auch nicht.» 
  2. «Also sorg dich nicht» Das ist Ignoranz. Frei gedacht wäre: «Für manche Menschen gehören Sorgen zum Leben. Vielleicht kann ich helfen.»
  3. «Geniess das Leben»: Das ist subtiler Druck. Frei gedacht wäre: «Ich geniesse das Leben. Und ich hoffe, andere können das auch.»

Ohnehin wirken manche Freidenker etwas missionarisch. Das könnte allerdings damit zusammenhängen, dass sich einige von ihnen gegen religiöse Widerstände durchsetzen mussten. Jeder Widerstandskampf hinterlässt eben Spuren. Zudem scheinen sie bisweilen verkopft. Allzu intellektuell. Sie dürften noch lernen, dass es nebst dem freien (empirisch fixierten) Denken einen weiteren nützlichen Bewusstseinszustand gibt: das Nicht-Denken … Nun aber zur zentralen Frage:

Was bedeutet «frei denken»?

Frei zu denken hiesse, selbst auferlegte Grenzen aufzulösen:

  • Nicht Veganer, Vegetarier oder Fleischesser sein, sondern freier Mensch, der achtsam in sich hinein horcht und jederzeit kocht und isst, was ihm gut tut und gerade Freude bereitet
  • Nicht Religionsangehöriger sein, sondern in sich selbst zur Ruhe kommen, eine beglückende Form der Spiritualität finden und diese ganz gelassen immer wieder hinterfragen
  • Sich nicht als Schweizer oder Deutscher fühlen, sondern als willkommener Gast auf dem Planeten, der das Leben gemeinsam mit all den anderen Gästen gestalten, verbessern und geniessen kann. 
  • Nicht SVP-ler, Grünliberaler oder Linker sein, sondern lustvoller und kreativer Gestalter des Zusammenlebens. 
  • Unabhängiger von Menschen, Medien, Materiellem, Umwelt und Gesundheit sein
  • Mehr beobachten als debattieren, mehr zuhören als belehren, mehr fragen als wissen
  • Kindlich neugierig, begeisterungsfähig und lernwillig bleiben
  • In allen Fragen offen mit anderen austauschen, sich inspirieren lassen, Neues erproben und immer wieder ganz bei sich ankommen und die eigene Form leben

Paradiesisch, nicht wahr?

Herzlich
André

PS: Die obige Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Welche Denkgrenze würden Sie als frei denkender Mensch gerne auflösen? Schreiben Sie einen Kommentar.

André Kesper hat als Werbetexter vier Award-Nominationen gewonnen und führt mit seiner Partnerin, der Innenarchitektin Eva Rebekka, gemeinsam die Agentur Kesper Wegelin AG in Winterthur. Zudem arbeitet er unter dem Motto «Ruhig die Besten wählen» als freier Headhunter.

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