Aufdringlich, teuer, kleine Auswahl: Wer verirrt sich in Winterthur noch in ein Fachgeschäft?

Wer klug ist, kauft online: Bücher, Medikamente, Business-Anzüge. Denn im Internet ist alles billiger, zudem wird unkompliziert nach Hause geliefert. In meiner Heimat Winterthur lohnt sich ein physischer Gang in die Altstadt eh nur noch aus drei Gründen: für ein neues Handy-Abo, eine 19.90-Franken-Jeans vom europäischen Discounter sowie frittierte Chicken-Wings mit Cocktail-Sauce.

Wenn ich Sie fragen würde, ob der Inhalt der Einleitung stimme, würden Sie verneinen. Sie würden mir etwas von Verarmung der Altstadt, Unterstützung von Familienbetrieben oder KMU-Kultur erzählen und mir glaubhaft versichern, dass Sie regelmässig Fachgeschäfte besuchen. Dass es sich bei Ihrem samstäglichen Einkauf nur um 50 Gramm Fenchel-Salami, ein verchromtes Feuerzeug oder einen herabgesetzten Baumwollschal handelt, würden Sie dabei verschweigen. Die Meinung, die man öffentlich kundtut. stimmt eben selten mit dem eigenen Alltagsverhalten überein. Und ohnehin zeigt ein Blick ins reale schweizerische Einkaufsverhalten, dass ich richtig liege: Der Online-Handel nimmt ungebremst zu, während renommierte Fachgeschäfte in Windeseile Mode- und Fast-Food-Ketten weichen. 

Gibt es also noch irgendeinen Grund, durch die Winterthurer Altstadt zu schlendern und eines dieser teuren und trotzdem defizitären Fachgeschäfte mit aufdringlichem Personal und viel zu kleinem Sortiment zu betreten?

Lebt die Winterthur City noch?
Ich wollte es genauer wissen und habe ein Experiment gewagt: In den ersten drei Monaten des Jahres habe ich jede Woche ein Winterthurer Fachgeschäft aufgesucht. Einzige Bedingung: Es musste ein Kleinbetrieb ohne Filialen sein. Vorab: Ich habe Läden entdeckt, von denen ich keine Ahnung hatte und dabei alles fürs Leben gefunden: spannende Literatur, herrliche Süssigkeiten, edlen Schweizer Hemdenstoff, biologisches Porzellan oder feinsten Goldschmuck. Die Winterthurer City ist ein wahres Shopping-Eldorado voller Geheimnisse, ausgesuchter Qualitätsprodukte sowie liebenswürdiger Menschen. Überhöhten Preisen bin ich hingegen selten begegnet.

Eins-zu-eins-Betreuung oder diskrete Beratung?
Kleine Altstadtläden locken gerne mit persönlicher Beratung. Doch dieses Argument ist mittlerweile etwas abgedroschen. Und nicht jeder Kunde möchte beim Eintreten in Beschlag genommen, gutgemeint sowie wortreich betreut und mit Körperkontakt zur Kasse begleitet werden. Doch mein Experiment zeigt: Es geht auch anders: Ich durfte fast überall in Ruhe stöbern, erhielt auf Fragen kurze, freundliche und klare Antworten und wurde auch ohne Grosseinkauf wertschätzend verabschiedet. Insgesamt habe ich in den drei Monaten nicht weniger als 16 Argumente für den lokalen Fachhandel gesammelt:

  1. Ich wurde in 8 von 10 Fällen wie ein Gast, nicht wie ein kommerzielles Zielobjekt behandelt.
  2. Der für Online-Shopping typische Druck auf Augen, Nerven und Blutdruck entfiel komplett.
  3. Die Mehrheit der Geschäfte überraschte mich durch das breite Angebot.
  4. Ich wurde weder durch Hintergrundmusik berieselt noch durch künstlichen Raumduft manipuliert.
  5. Ich begegnete in den Produkten packenden Künstlerinnen- und Künstlerbiografien. Durch den emotionalen Bezug behalten Produkte ihren Wert viel länger.
  6. Das Personal erzählte mir zu einzelnen Produkten spannende Geschichten.
  7. Mehrmals wurde mir Wasser oder Kaffee und Gebäck sowie eine Sitzgelegenheit angeboten.
  8. Manchmal habe ich mir etwas als Geschenk einpacken lassen. Individuell ausgesuchtes Papier sowie liebevoll arrangiertes Dekor erhöhten den Wert des Gekauften. 
  9. Ich erhielt häufig in dezenter Form Einladungen zu Vernissagen, Events oder Ausstellungen. Dreimal besuchte ich eine Veranstaltung. 
  10. Unglaublich, wie aktiv meine Sinne angesprochen wurden: Augen, Nase, Gaumen, Ohr und Tastsinn. 
  11. Die allermeisten Geschäfte verzichteten auf der kompletten Ladenfläche auf aufdringliche Werbebotschaften.
  12. Ich erlebte mehrmals gut betreute Lernende in Action. 
  13. Ich konnte beobachten, wie zuvorkommend ältere Kundinnen und Kunden bedient wurden.
  14. Es wurde mir mehrmals proaktiv ein Nach-Service (Ersatzteil, Reinigung) offeriert.
  15. Ich kam einige Male mit anderen Kunden ins ungezwungene Gespräch und erhielt wertvolle Zusatzinformationen.
  16. Subjektiv, aber eindrücklich: Ich lächelte mehr als sonst und fühlte mich nach dem Verlassen eines Geschäfts auffallend oft leicht, heiter und zufrieden.

Damit wir uns richtig verstehen: Dies ist kein PR-Artikel. Winterthurer Fachgeschäfte zählen derzeit nicht zu meinen Kunden. Es handelt sich vielmehr um einen persönlichen Erfahrungsbericht.

Fazit:
Ich nehme mir vor, dieses Jahr wenn immer möglich weiter im lokalen Fachgeschäft einzukaufen. Nicht aus reinem Altruismus, sondern aus dem Bedürfnis nach Gesundheit, Spass und Beziehung. Machen Sie mit? Ende 2018 werde ich an dieser Stelle nochmals von meinen Begegnungen und Erfahrungen berichten. 

Herzlich
André

André Kesper ist selbstständiger Berater, Moderator sowie Texter und spezialisiert auf kommunikative Leitbotschaften. Sein Credo: «Ausstrahlung ist die Folge geklärter Identität». Er wurde viermal für den Swiss Text Award nominiert. Zudem arbeitet André Kesper unter dem Motto «Ruhig die Besten wählen» als freier Headhunter.

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